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Stell dir Folgendes vor: Es ist Anfang Mai, und mitten in einer ansonsten ruhigen norwegischen Stadt taucht plötzlich eine Armee von Jugendlichen in knallroten und blauen Overalls auf, die aussehen, als hätten sie drei Wochen auf einer Mischung aus Festival, Überlebenscamp und wilder Party verbracht.
Der Bass dröhnt, das Gelächter hallt wider, und die Luft ist erfüllt von einer Mischung aus Energie, Schweiß und purer jugendlicher Verrücktheit. Willkommen in der „Russetiden“ – Norwegens lautstärkster, farbenfrohster und, ehrlich gesagt, verrücktster Weg, sich von der Oberstufe zu verabschieden.
Ich komme aus Bergen, habe Wurzeln im amerikanischen Mittleren Westen und bin Vater eines dieser Jugendlichen. Ich habe gelernt, die Bunad am 17. Mai zu lieben und das ewige Gerede über das Wetter, mit dem die Norweger alles einleiten. Aber die „Russetiden“? Die bringt mich immer noch zum Staunen: „Ihr seid hier oben wirklich einzigartig.“ Und nach einigen Jahren bin ich von schockiert zu richtig begeistert von der ganzen Sache übergegangen.
Ein von Jugendlichen organisiertes Nationalfest
Die „Russetiden“ ist die Feier der Abiturienten, die meisten davon 18–19 Jahre alt. Sie beginnt Ende April und steigert sich zu einem gewaltigen Höhepunkt am Nationalfeiertag, dem 17. Mai. Rund 42.000 Jugendliche nehmen jedes Jahr daran teil, und es sind die Jugendlichen selbst, die die ganze Show leiten, während sich die Schulen im Hintergrund halten. Das ist echte jugendliche Tatkraft: Sie organisieren Busse, Partys, Revuen, Merchandise und riesige Freiwilligenaktionen – und haben oft schon mehrere Jahre im Voraus Geld dafür gespart.
Die Tradition hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert in europäischen Studentenbräuchen, doch die moderne „Rote-Mütze“-Version begann 1905 in Oslo. Was einst eine Elitensache für Jungen war, die an die Universität gehen wollten, ist heute eine breite Volksbewegung. Rødruss und Blåruss halten zwar noch ein wenig an den Farbunterschieden fest, aber alle machen mit. Demokratisch, lautstark und vollständig von den Jugendlichen gesteuert.
Das Leben im Overall – und die Kordel, die alles verrät
Der erste Schritt zur „Russe“-Feier besteht darin, die meisten Alltagskleider gegen einen Ganzkörper-Overall in knallrotem oder blauem zu tauschen, gerne mit vulgären Anspielungen, die direkt mit einem Permanentmarker darauf geschrieben sind. Dieser sollte möglichst mehrere Wochen lang nicht gewaschen werden. Nach zehn bis vierzehn Tagen hat er seinen ganz eigenen Geruch und seine eigene Patina entwickelt – rau, unprätentiös und genau richtig eklig.
Die „Russeknoten“
An der Mütze hängt eine Schnur, an der man „Russeknoten“ knüpft – kleine Trophäen für bewältigte Herausforderungen. Viele sind gemütlich und lustig, wie zum Beispiel: mitten in einem Kreisverkehr frühstücken, einem Fremden eine Rose schenken, laut in der Kantine singen oder draußen im Schlafsack schlafen. Andere sind wilder und körperbetonter.
Beispiele für typische Russeknuten:- Pyjama: Einen ganzen Schultag lang einen Pyjama tragen.
- Klebeband: Sich während einer Doppelstunde mit einem Mitschüler mit Klebeband zusammenkleben.
- Unter dem Pult: Eine ganze Unterrichtsstunde lang unter dem Pult sitzen.
- Soda-Kappe: Während der gesamten „Russetid“ oder bei bestimmten Veranstaltungen nüchtern bleiben.
- Badeknute: Das erste Mal im Jahr vor dem 1. Mai im Freien baden.
Und dann gibt es noch die „erwachsenen“ Knoten – diejenigen, die selbst einen abgebrühten Ausländer wie mich dazu bringen, eine Augenbraue hochzuziehen, während ich (etwas vorsichtig) lächele. Dazu gehören verschiedene Trinkherausforderungen (oft mit Limonade, um alle einzubeziehen), Nacktbaden oder die eher sexuellen Varianten wie das Küssen von Fremden, intime Momente an besonderen Orten oder andere Herausforderungen, die sowohl Mut als auch eine gute Portion Schamlosigkeit erfordern.
- Nacktbaden: Nackt im Freien zusammen mit mindestens zwei anderen Russen baden.
- Nackt laufen: Nackt über eine lokale Brücke oder einen bekannten Platz laufen.
- Zapfen: Safe Sex im Freien (im Wald).
- Goldzapfen: Safe Sex in einem Baum.
- Weißer Sektkorken: Safer Sex mit dem Russenpräsidenten.
Die Listen werden nach Diskussionen regelmäßig aktualisiert, Einverständnis wird stark betont, und viele Russ entscheiden sich bewusst gegen die extremsten Punkte. Dennoch sind sie Teil der Tradition – ehrlich, ungeschönt und ein Beweis dafür, dass dies ein Fest ist, bei dem man ein letztes Mal jung und ein bisschen verrückt sein darf, bevor das Leben ernsthaft beginnt.
Die Russ-Busse – rollende Party und echte Gemeinschaft
Das Herzstück der Russ-Zeit sind für viele die Busse. 20–30 Freunde schließen sich zusammen, oft mit etwas finanzieller Hilfe der Eltern, und verwandeln einen gewöhnlichen Bus in einen rollenden Nachtclub mit Soundsystem, Lichtshow, Bar und Schlafplätzen. Manche kosten mehrere hunderttausend Kronen. Sie fahren quer durch das Land zu Treffen, spielen Russenlieder mit zweifelhaften Texten und füllen die Straßen mit Bass und Gelächter. Diejenigen ohne Bus kommen dennoch in den Genuss der Partys und der lokalen Veranstaltungen. Es ist nicht nur eine Party – es ist eine lebendige, mobile Gemeinschaft.
17. Mai – der große Höhepunkt
Kein Tag zeigt die norwegische Identität besser als der Nationalfeiertag während der Russetid. Nach dem Kinderumzug kommen die Russetog: eine Parade müder, aber stolzer Jugendlicher in Overalls. Viele haben in den letzten 24 Stunden nicht geschlafen, aber sie sind trotzdem dabei. Bunad und Russetog Seite an Seite. Das ist Nationalromantik, Freiheit und pure jugendliche Energie in ein und demselben Bild.
Russetid versus „American Prom“
Amerikanische Freunde fragen mich immer wieder: Ist das nicht einfach euer Abschlussball? Die Antwort ist ein klares Nein. Der Abschlussball ist ein einziger glitzernder Abend mit glamourösen Kleidern, Smokings, Limousinen und einem ausgefeilten „Thema“. Alles ist strukturiert, unter Aufsicht von Erwachsenen und darauf ausgerichtet, perfekt auszusehen.
Die Russetid ist ein dreiwöchiges Fest ohne Fassade. Keine Limousine – nur ein Bus mit 25 Freunden.
Beim Prom geht es darum, sich schick zu machen. Bei der Russetid geht es darum, sich in eine gemeinsame Uniform zu werfen und zu feiern, dass man noch jung ist. Der Prom punktet mit Glitzer. Die Russetid punktet mit Ausdauer, Ehrlichkeit und purer, kollektiver Verrücktheit.
Ein wenig über unsere nordischen Nachbarn
Auch wenn wir viel Geschichte mit unseren Nachbarn teilen, verblassen ihre Feierlichkeiten oft im Vergleich zur norwegischen „Russetiden“-Feier.
- In Dänemark feiern sie „studenterkørsel“. Anstelle von teuren Bussen, die wochenlang unterwegs sind, mieten sie für einen Tag einen offenen Lastwagen, der mit Birkenzweigen geschmückt ist. Sie fahren von Elternhaus zu Elternhaus, trinken an jedem Halt ein Bier oder ein Glas Wasser und springen in den Hafen, wenn sie Bestnoten bekommen haben. Das ist charmant und sommerlich, aber es fehlt das norwegische Gefühl einer dreiwöchigen Belagerung der Gesellschaft.
- In Schweden ist „Studenten“ eher eine in Weiß gekleidete, glamouröse Angelegenheit. Sie tragen weiße Kleider und Anzüge sowie die ikonischen weißen Studentenmützen, die an Kapitänsmützen erinnern. Doch die Party ist fast vorbei, bevor sie überhaupt begonnen hat. Die Schweden betrachten die norwegische „Russetiden“ oft mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen; für sie ist die Feier ein Zeichen dafür, dass man erwachsen geworden ist, während die norwegischen „Russ“ fest entschlossen scheinen, noch ein allerletztes Mal Kind zu sein.
Warum Norwegen sich abhebt
Was die norwegische Feier in den nordischen Ländern wirklich einzigartig macht, ist ihre Dauer und die kollektive Uniformierung, die die „Russedressen“ darstellen. Während die Dänen und Schweden erst nach Abschluss der Prüfungen feiern, beginnen die norwegischen „Russ“ mit der Party, solange die Bücher noch auf den Tischen liegen. Nirgendwo sonst in Skandinavien sieht man Jugendliche drei Wochen lang in demselben, schmutzigen Anzug herumlaufen. Während unsere Nachbarn das Festliche und Sommerliche wählen, entscheiden sich norwegische Jugendliche für das Ausdauernde und Kultige. Es ist weniger „Sommerfest“ und mehr „Wikingerzug in roter Baumwolle“.
Was hinter dem Lärm steckt
Inmitten all des Gelächters und Lärms verbirgt sich eine echte Wehmut. Es ist der Abschied von der Kindheit und von Freunden, die man seit der Grundschule kennt. Im kommenden Herbst wird sich die Clique auflösen – einige ziehen nach Oslo, andere bleiben in Bergen, und wieder andere ziehen in die weite Welt hinaus. Die „Russetiden“ wird zu einer letzten intensiven Feier dessen, was einmal war.
Ich bewundere das Vertrauen, das Norwegen seinen Jugendlichen entgegenbringt. Sie dürfen ihr eigenes Chaos organisieren, und die meisten gehen damit mit überraschend gutem Urteilsvermögen um, obwohl dies mitten in den Prüfungsvorbereitungen stattfindet. Natürlich geht es ab und zu drunter und drüber, aber die meisten feiern ausgelassen, ohne anderen den Spaß zu verderben.
Als Halbamerikaner sehe ich den Kontrast deutlich: In den USA geht es oft um individuellen Glanz und das polierte Image. Hier geht es darum, gemeinsam zu feiern – laut, bunt und ein bisschen chaotisch.

Eine Tradition, die es zu lieben gilt
Die „Russetiden“ ist teuer, anstrengend und nicht jedermanns Sache. Manche entscheiden sich für eine zurückhaltende Feier. Das ist völlig in Ordnung. Aber für diejenigen, die sich darauf einlassen, entstehen Erinnerungen, die ein Leben lang im Körper bleiben.
Es ist befreiend ehrlich. Jugend ist überall Jugend, aber hier dürfen sie es richtig feiern – ohne Filter.
Russetid (kleines Glossar)
- Russ: Ein Abiturient (die Hauptfigur in diesem Chaos).
- Russedrakt: Der ikonische rote oder blaue Overall, der drei Wochen lang ununterbrochen getragen wird.
- Russeknuter: Herausforderungen oder Aufgaben, für die man eine Trophäe (Knute) am Hutband erhält.
- Russebuss: Ein buchstäblicher Nachtclub auf Rädern. Ein Bus, der speziell mit professioneller Tonanlage und Lichtshow ausgestattet ist.
- Russekort: Persönliche „Visitenkarten“ mit lustigen Zitaten und Bildern, die die Jugendlichen sammeln.
- Dugnad: Das norwegische Konzept der kollektiven Freiwilligenarbeit (so finanzieren sie das Ganze!).
- 17. Mai: Norwegens Nationalfeiertag und das große Finale der Feierlichkeiten.
Wenn du also im Mai in Norwegen bist: Halte Ausschau nach dröhnendem Bass und halte Ausschau nach den roten und blauen Gestalten. Wenn du zu einem Russ-Treffen eingeladen wirst, sag Ja. Bring Ohrstöpsel, gute Laune und eine große Wasserflasche mit. Du wirst es brauchen.
Ein Hoch auf die Russ! Nichts sagt mehr Frühling als der Klang von Russ-Bussen und das Leben auf den Straßen. Genießt jeden Moment, passt aufeinander auf und macht diese Zeit zu einer, die ihr nie vergessen werdet. Das ist euer Frühling!
Life In Norway Cross-Cultural
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